Tatis Reisetagebuch
01.04.2003
Ko Samui - Unternehmungen auf der Insel
Am 7. und letzten Tag meiner Fastenkur spuere ich die Energie in mir, die von
einigen zuvor angekuendigt wurde. Genug des Muessiggangs, des
schlafwandlerischen Fastenrituals, raus und erleben, um die Insel nicht ganz
ungesehen verlassen zu muessen. So mache ich mich los nach Chaweng, dem
groessten Strandbereich an der Ostkueste von Ko Samui. Transport ist leicht
hier. Man stellt sich einfach an den Strassenrand, vorzugsweise in die
gewuenschte Richtung, und haelt eines der vielen vorbeifahrenden Taxidienste
an; z.B. ein Auto-Taxi, ein tuk-tuk (Motor-Rikscha), ein Songtaow (Pick-up mit
2 Querbaenken), eine Rikscha oder ein Motorrad. Die Songtaows sind eine
Mischung aus Minibus und Taxi, gabeln Reisende am Strassenrand auf und fahren
die Route in vorgegebener Himmelsrichtung ab, die sich durch die Ziele der
Passanten ergeben. Sie sind mit 20-30 Bath (50 cents) die guenstigste
Alternative, waehrend die anderen Individualtransporte ein Mehrfaches dessen
kosten.

Probiere als neue Erfahrung einmal ein Moped-Taxi aus. Mit wehendem Haar die
Berge rauf und runter, mit 80 durch die Kurven – nun, warum sollten die anders
fahren, als ihre Kollegen auf 4 Reifen!? Der Fahrer ist ein netter Thai, der
auf die uebliche, bekannte Weise die Konversation beginnt: “Where you from?”, “
Germany, ahh good! America bad, war, bombs on Irak.” Er bruellt von vorne die
Fragen unter seinem Helm hindurch, waehrend mir hinten der Fahrtwind um die
Ohren schlaegt und das Verstehen sehr erschwert. “Your name?”, “Miranda”
antworte ich, um die fuenf Nachfragen zu vermeiden, die “Tatiana” ausgeloest
haette. Sie betonen zumeist die letzte Silbe und verzichten dafuer auf die ein
oder andere in der Mitte. Miranda ist problemlos und so untypisch fuer mich,
dass ich mich nicht daran gewoehne. “Me Pin! How old you?” kommt es wieder von
vorne, “me 36”. Ich antworte mit “50” – Gelaechter, dann versuche ich es
mit “25” – Schweigen! “Where you go?”,'Chaweng Market', dachte ich jedenfalls,
schon vergessen? “Waterfall good, you know?”, “ No thank you, Chaweng Market
please.” Amuesiertes Lachen von vorne, die Vorschlaege haben erst begonnen:
weiter geht es mit Big Buddah ganz im Norden der Insel, Naton, mehrmals wieder
Waterfall, Chaweng ist gluecklicherweise auch im Angebot. Bei der
Geschwindigkeit und dem Fahrverhalten sind Konversationsversuche eher muehsam.
Nutze die langsamen, aechzenden Momente bergauf, um das Reiseziel zu sichern.
Frage ihn, warum er wie fast alle Thais einen langen Fingernagel am kleine
Finger hat. Verschaemtes Lachen. Frage bei der naechsten Steigung erneut.
Wieder Stille. Wozu wohl?

Lande sicher im touristen Bazargewuehl von Chaweng, dem groessten Touriort auf
der Insel. Die Srassen sind gesaeumt mit den ueblichen Gruppen von Kleinlaeden
und Strassenshops, 3-10 qm, uebervoll mit Souvenirs, Klamotten, Brillen etc.
Und Schneider wohin man sieht. Ein individuell geschneidertes Set dauert mit
mehreren Anproben ca. 2-4 Tage. Angebote starten ab 75 $ fuer je 2 Hemden,
Hosen, Shirts und Jacken im einfachsten Fall, abhaengig natuerlich von der
Qualitaet des ausgewaehlten Stoffes. Schlendere durch die Laeden, schaue mir
Auslagen an, fuehle und vergleiche die Qualitaet, um etwas vorbereiteter zu
sein, wenn ich Souvenirs kaufen sollte. Das Vergleichen lohnt sich wegen der
sehr unterschiedlichen Qualitaeten und Handeln ist ein Teil des Kaufens. Die
Thais sind recht angenehme Verkaeufer. Wenn man moechte, kann man sich zwanglos
umsehen, ohne staendig bedraengt zu werden. Handeln geht bis zu einer gewissen
Schmerzgrenze, an der sie einfach uninteressiert abwinken. Preisvergleiche sind
selbstverstaendlich, keiner ist deswegen beleidigt oder veraergert. Man erfragt
den Preis, der ueblicherweise (natuerlich zunaechst voellig ueberhoeht) auf
einen Taschenrechner getippt wird. Den bekommt man dann gleich ueberreicht, um
den eigenen Preisvorschlag einzutippen und so geht es dann hin und her, bis
eventuell das Geschaeft zustande kommt. So versuche ich also langsam ein
Gefuehl fuer die Preise bestimmter Artikel zu bekommen, um vielleicht
irgendwann spaeter ein paar Kleinigkeiten zu erstehen.

Zurueck nehme ich wieder ein Motorrad-Taxi. Das Programm startet wieder: “Where
you from?”,”Germany good! …..” Es folgen die Fragen nach Name und Alter,
Tourenvorschlaege etc. Er will mir seine Telefonnummer geben, damit er mich am
naechsten Tag zu den Wasserfaellen fahren kann. Gluecklicherweise wird er auch
das bis zum Ende unserer Reise vergessen haben. Nachfragen nach anderen
Sehenswuerdigkeiten als den Genannten gehoeren nicht zu seinem
Englischrepertoire. Es macht irgendwie Spass, mit Haenden und Fuessen und
unzaehligen Wiederholungen dem Fahrer mehr als die Standardauskunft zu
entlocken. Nicht immer ist das allerdings ein Vergnuegen. Die
Englischkenntnisse der Thais sind weitgehend gering, selbst an Touriplaetzen
wie Hotels, Souvenirshops und an Sehenswuerdigkeiten geht das Repertoire kaum
ueber das Angebotene oder Verkaufte hinaus. Waehrend in Malaysia sogar unser
Jungle-Boy von Taman Negara Englisch sprach, verstehen hier nicht einmal die
Rezeptionistinnen des Resorts Woerter, die ueber die Menuekarte hinausgehen.
Als touristenstaerkstes Land in Suedostasien haette ich mit einem hoeheren
Niveau gerechnet, dem man interessanter Weise in Malaysia, auf jeden Fall
jedoch in Singapur begegnet.

Am Folgetag die Tour zu den Wasserfaellen in der Inselmitte. Der Nationalpark
dort ist auch bekannt fuer seine Elefantenausritte, die Krokodilshow und den
extravaganten Skulpturenpark etwas noerdlich davon. Heute nehme ich einen
Songtaow dorthin – deutlich billiger als das gestrige Taxi! Sitze eng
gequetscht zwischen zwei Marktfrauen, einem Touri mit Gepaeck auf dem Weg zum
Hafen und zwei thailaendischen Kleinfamilien. Kurz hinter dem Eingang des Parks
gibt es 2, 3 Tourguides. Die ersten wollen fuer die gefuehrten Touren hoch zum
Wasserfall und den Elefantenritt horend viel Geld. Die Konkurrenz fehlt und der
Tag verspricht gut zu werden. Weiter hinten stosse ich auf Tao, den einsamen
Tourguide. Er bietet mir an, mich auf seinem Moped kostenlos hoch zum
Wasserfall zu bringen – er wolle sowieso dorthin. Ich kann nicht wirklich
erklaeren, warum ich trotz meiner Skeptik und aller guten Ratschlaege mitfahre,
aber es wurde schliesslich der beste Ausblick, den ein Touri an diesem Tag von
oben auf die Insel haben konnte. Anfangs etwas zoegerlich schwinge ich mich auf
sein Moped, bergauf ueber Stock und Stein bis zu einem ausgewaschenen
Flussbett. Von dort aus geht es weiter zu Fuss gegen den Berg. Der Weg ist
ziemlich steil, er flink wie eine Bergziege und ich habe grosse Muehe ihm zu
folgen. An einigen Abschnitten ist kein wirklicher Pfad fuer mich zu erkennen,
trotte schwitzend und meditierend hinter ihm her, konzentriere mich auf den
wechselnden, unebenen Untergrund, um nicht zu haeufig abzurutschen. Mir ist
noch nicht ganz klar, wie man hier wieder heile runter kommt, und doch trotte
ich wie paralisiert hinter ihm her, z.T. allein, z.T. gezogen. Waehrend er
unbeschwert und leicht hochhuepft erzaehlt er mir von Buddha, seiner Mutter,
seiner Familie usw. Kann seinen Ausfuehrungen nicht richtig folgen, weil ich
damit beschaeftig bin, mir Abwehrstrategien auszudenken fuer den Fall, dass er
mir eine ueber den Schaedel ziehen uns sich meines Rucksacks, meiner Kamera
oder gar meiner bemaechtigen will. Alles umsonst! Dieser Anhaenger Buddhas
zeigt mir den weit oberhalb des Touristenstandortes gelegenen Wasserfall, der
tosend in einen kleinen, natuerlichen Pool klatscht. Das Wasser ist erfrischend
kuehl, tuerkis, etwas milchig und der Pool mit einem herrlichen Ausblick ueber
die halbe Insel und das Meer gesegnet. Da er wie die meisten Asiaten nicht
schwimmen kann, zeige ich ihm ein paar Schwimmuebungen, mit denen er sich in
Randnaehe etwas behelfen kann. Der Abgang ist nicht weniger anstrengend aber
dennoch deutlich schneller. Unten stossen wir auf einen aufsteigenden
Elefanten, der an einem 3 m hohen Abhang gerade ein Touristenpaar ablaedt. Ich
moechte gerne ein Foto von dem Elefanten machen – doch der Schuss geht nach
hinten los. Tao nutzt die Gelegenheit, stimmt sich kurz mit dem
Elefantenfuehrer ab, der mich langsam auf den wackeligen Kopf des Dickhaeuters
manovriert. Derweil nimmt mir Tao den Fotoapparat ab, von dem ich mich langsam
innerlich verabschiede. Balanciere aengstlich in 3 m Hoehe, der Kopf des
tonnenschweren Tieres hin und her wackelnd, mein Nylonrock ohne Halt gleitend
und in mir die reinste Panik. Wieder dreht das muede Riesentier seinen Kopf vom
Abhang weg, die Zurufe seines Fuehrers lassen ihn voellig unbeeindruckt und
auch mein Wehen und Klagen scheint beide nicht aus der Ruhe zu bringen! In
freier Hoehe schwebend krampfen sich mir die Eingeweide zusammen, weiss nicht
wo festhalten, eine unkontrollierbare Rutschpartie und endlich der befreiende
Sprung auf sicheren festen Grund. Mein Beduerfnis nach Elefantenausritt und
auch anderen Erlebnissen auf Ko Samui war vollauf gestillt. Natuerlich habe ich
meine Kamera wiederbekommen, habe Tao am Ausgang etwas Geld zugesteckt und war
mal wieder ganz geruehrt und begeistert von einem besonderen Erlebnis :-)