Tatis Reisetagebuch
09.04.2003
Bangkok - Die Drehscheibe Suedost-Asiens
35 Grad, die Sonne braet vom Himmel, kaum Wolken, kein Wind, Smog, dichte
Abgase huellen die 10-Millionen Stadt in eine asmathische Luftwolke, ratternde
Mopeds, tuk-tuks und rikshaws mischen sich nervoes und laut zwischen den
unablaessigen vierraedrigen Verkehr, uebervolle Busse, klimatisierte Autos,
alles dicht gedraengt, wild und scheinbar regellos durcheinanderfahrend. Musik
droehnt aus den vielen kleinen Laeden, die die Strasse flankieren. Aus jedem
Laden eine andere, lauter und poppiger. Ich bin in China Town, dem quirligsten
und geschaeftigsten Viertel Bangkoks mit all seinen Bazaren, nightmarkets,
massage places, bars, Restaurants, Strassenverkaeufern mit ihren kleinen
Garkuechen, den eisigen, verlockend frischen Fruechtewagen, den Staenden mit
gebratenen Kaefern, den Gemuesehaendlern, den little book shops und den
Touranbietern. Hier kann man Tatoos, Piercings und Rastas machen lassen, kann
sich durch die unendlich vielen Laeden und Strassenauslagen feilschen, von
einem Internet Café zum anderen traben oder einfach am Strassenrand sitzen,
essen und trinken und dabei die Exotik des Tourismus beobachten.

Hier sieht man die Globetrotter dieser Welt, junge und in die Jahre gekommene,
normale und unnormale Kurzurlauber, Business-travellers, Sex-Tourismus.
Bangkok, die Drehscheibe des Verkehrs fuer ganz Suedostasien. Nachts sitzen
hier die zurueckgelassenen, verliebten Thaigirls in den Internet-Cafes und
schicken Liebesgruesse in die ferne Welt, zu dem fernen Geliebten, der
hoffentlich bald zurueckkommen moege. Sie schreiben ihm, dass sie ihn
vermissen, auf ihn warten, traurig sind und immerzu an die schoene gemeinsame
Zeit zurueckdenken. Sie wollen wissen, wann er ihnen antwortet, wann er
zurueckkommt, ob sie zu ihm kommen koennen. Ein Meer aus betrogenen,
gebrochenen Herzen!

Eine Fahrt mit dem Verkehrsboot auf dem Chao Phraya River, einer der Nord-Sued
Hauptverkehrsadern von Bangkok, fuehrt uns auf die andere Seite (hier die linke
Seite) des Ufers zum Wat Arun. Wieder hilft uns der Zufall zu einem
wunderschoenen Erlebnis. Es ist der Geburtstag der Koenigin Sirikit. Zu ihren
Ehren werden hier heute traditionelle Taenze von Kindertanzgruppen in ihren
wunderschoenen, ornamentreichen Kostuemen vorgefuehrt. Die Kleinen sind ganz
aufgeregt, einige ziehen ihr Make-up nach und lassen sich gerne von den
gluecklich schauenden Eltern, den wichtigen Fotografen (und mir) fotografieren.
Andere proben noch Schrittfolgen in den Ecken, waehrend das Orchester auf der
Buehe bereits die elegenten, zierlichen, bezaubernden Taenzerinnen ankuendigt.
Die Wiese vor dem Tempel ist voll mit den stolzen Eltern, Freunden, Verwandten
und Zuschauern, die ihr Picknick mitgebracht haben. Wir gesellen uns dazu und
bewundern die zierlichen Koerper, wie sie sich beherrscht und konzentriert
verbiegen, waehrend wir versuchen, den schreibenden hohen Gesang und die
knatschenden Floeten zu ueberhoeren.

Besuche mit Matthias in der Nacht um 4 Uhr den Flower market, Umschlagplatz
fuer Gemuese, Obst und Blumen fuer ganz Bangkok. Um diese Zeit lebendig und
geschaeftig wie anderswo am Tage. Grosse Schubkoerbe beladen mit chinesischem
Spinat, Jackfruits, Limonen und Orangen werden durch die Auslagen geschoben.
Vorbestellt, verkauft und individuelle vom Grosshaendler fuer die Haendler
zusammengestellt. Ueberall wuseln die Kaeufer mit ihren Riesenkoerben durch die
Gaenge, bleiben stehen an einzelnen auslagen, begutachten, verhandeln und
packen ihren Korb weiter voll. Draussen vor den Hallen werden die Angebote dann
in handlich abgepackten Mengen angeboten, fuer einen deutlich hoeheren Preis
versteht sich. Wir sind die einzigen Touristen hier zu dieser nachtschlafenden
Zeit. Wir schlendern durch die wunderschoen drappierten Auslagen, bewundern die
Zusammenstellung der Ware, die Frische der Fruechte, wundern uns immer wieder
ueber uns unbekannte Gemuese-, Fruechte- und Gewuerzarten und scheinen auf
jedem unserer Schritte jemandem im Weg zu stehen. In wenigen Stunden wird hier
alles vorbei sein, als sein hier die letzten Wochen nichts passiert. Doch schon
morgen Nacht wird hier wieder die gleiche Geschaeftigkeit herrschen.

Goennen uns das Erlebnis eines Thai-Boxings in der Suedhalle der Stadt, die
traditionelle Sportart in Thailand schlechthin. Fuer Touris gibt es einen
gesonderten Ticketschalter mit Tickets fuer ein Vielfaches des lokal prices.
Waehrend lokals ca. 100 Bath zahlen, drueckt man als Touri zwischen 500 und
1.500 Bath ab. Den Versuch, die Karten fuer uns durch einen Thai kaufen zu
lassen verwerfen wir schnell. Sie haben eine andere Farbe und sicher wuerden
uns die einschuechternden Polizisten am Eingang damit nicht durchlassen. Im
Stadium herrscht bereits lebendige Stimmung. Der 2. Kampf der Vorrunde laeuft.
Zwei 100 Pfund leichte Jungs kloppen und treten aufeinander ein. Sie wirken wie
Schuljungs, jung, unschuldig, eher mitleiderregend als einschuechternd und
alles andere, als was ich von einem Boxer erwartet haette. Der Kampf ist bald
entschieden und es folgt das naechste Fliegengewicht-Duell. Thailaendische
Musik erdroehnt aus der neutralen Ecke. In traditioneller Kleidung verkleidete
Musiker floeten, trommeln und zierpen Volksmusik waehrend die geschmueckten
Kampfjungs im Ring Taenzchen machen. Jeder fuer sich, jeder nach seinem eigenen
Stil, etwas unkoordiniert und ungelenk wirkend, eine Mischung aus traditinellem
Tanz und Heldenposing. Nach ca. 15 min. Vorspiel sind sie dann fuer den Kampf
bereit. Matthias schlaegt eine Wette vor. Nach gegenseitiger Begruessung und
Einweisung durch den Schiri geht das Schlagen und Treten los. Der Kampf wirkt
recht brutal. Gelegentliche Boxschlaege gegen den Kopf und Oberkoerper werden
begleitet von harten, geschleuderten Tritten in die Flanken, den Nierenbereich
und in den unteren Bauchbereich des Gegners. Viele Umklammerungen, wieder
trennen durch den Schiri und wieder Tritte. Die zarten, sehnigen Koerper
scheinen mit jedem Muskel angespannt zu sein und die Tritte scheinen zunaechst
ihre Wirkung zu verfehlen. Zunaechst! Unsere Wette erhoeht die Spannung.
Waehrend Matthias Kandidat einen kunstvollen, fast selbstverliebten Tanz
hingelegt hat, scheint mein Kampfbruder den Kampf gar nicht abwarten zu
koennen. Er beobachtet seinen Gegner genervt waehrend dessen kunstvollem
Vorspiel, um ihn dann in der 2. Runde kurzerhand mit einem Knock-out zu Boden
zu jagen. Vorbei! 20 Bath gewonnen J. Die naechsten Kaepfe gehen alle ueber 5
Runden. Die ersten beiden Runden scheinen mehr ein Abtasten der Gegener zu
sein, dann erst beginnt es spannend zu werden im Ring und auf den Raengen. Die
Halle beginnt zu fiebern, die Fans jeweils in den Ecken – fast ausschliesslich
Maenner. Wir beobachten interessiert die Techniken und Strategien der Kaempfer.
Das Koennen unterscheidet sich deutlich, was man bereits beim Auftritt und
Vorspiel der Kaempfer erahnen kann.

Habe so viele von den schwimmenden Maerkten gehoert, dass ich sie unbedingt
sehen moechte. Machen also eine Halbtagestour zum floating market ausserhalb
von Bangkok. Haben die Tour kurzfristig bei einem der unzaehligen tour
agencies gebucht. Im Bus erfahren wir von dem erweiterten Programm um
Kokosnussfarm und Handwerksmarkt – warum nicht! Die Kokosnussfarm war mehr ein
Tourimarkt mit angehaengter mit ein paar alibi Palmen. An den Dolden haengen
die Holzrohre, durch die der Saft der Kokosnuesse gepresst und gewonnen wird,
noch bevor die Kokosnuesse gross werden. Dieser Saft wird dann erhitzt,
enigedickt und als Zuckerbarren verkauft. In 3 min. hat man das eigentlich
gesehen und geschnallt, eine Fuehrung war nicht noetig und moeglich. Weiter
ging es jedoch erst nach 30 min., die wir auf dem abgeschlossenen
Verkaufsterrain verbrachten. Kaffeefahrt eben. Wir sind schon gespannt auf die
floating markets, zu unrecht, wie sich bald herausstellt – eine
Touristeninszenierung der traurigen Art. 2 Obstboote fuer die heiss begehrten
Fotos, weitere 5-6 Boote mit Garkuechen, Fisch und Gemuese. Die aelteren Damen
in den Booten scheinen zumeist der sie umgebenden Touristen mueden, die
Fotoapparat und Kamera auf die einzig verbliebenen spaerlichen Boote halten,
von Wasser und zu Land. Der Rest des Kanals ist flankiert von Verkaufsstaenden
mit all den kitschigen und schoenen Dingen, die man auch in Bangkok ueberall
bekommen kann. Der Halt auf dem Rueckweg beim crafts market ist tatsaechlich
die Besichtigung wert. Man kann hier die carvers bei ihrer Holzarbeit
beobachten. Geradezu nebenbei entstehen kunstvollste Tische, Stuehle,
Schraenke, Figuren, Kassetten, Bettknoepfe, Paravents … Sie sitzen zumeist in
kleinen Gruppen auf dem Boden, wenig angestrengt, sich unterhaltend, geradezu
wie die Maedchen in den Verkaufsstaenden, waehrend sie nebenbei diese
kunstvollen, feinen, ornamentreichen Arbeiten erstellen. Mit dem Bus soll es
dann zurueck gehen. Leider zeigt der mittlerweile groessere Ausfaelle. Wollte
er zuvor nur nicht anspringen, so gab jetzt die Handbremse nach und der Bus
rollte richtung Abgrund. Beim Rettungsversuch flog die Tuer aus der Angel, doch
wir konnten es wieder richten. Ohne gaengigem Tacho, mit laut aufschreiender,
mehr als schwergaengiger Kupplung, klappernd und scheppernd finden wir unseren
Weg zurueck nach Bagkok. Waehrend wir versuchen, das Erlebte zu verdauen und
Mut zu schoepfen, gibt unser Fahrer unbefangen Vollgas und bahnt sich seinen
ganz individuellen Weg durch den Verkehr. Angekommen in Bangkok koennen wir
wieder einmal sagen: Hurra, wir leben noch!