Tatis Reisetagebuch
15.04.2003
Chiang Mai - Feucht-froehliche Tage in Thailands Norden
Komfortable Bahnfahrt mit dem Nachtzug von Bangkok nach Chiang Mai (groesste
Provinzhauptstadt im Norden Thailands). Wir goennen uns ein klimatisiertes
Einzelabteil im Schlafwagen der ersten Klasse, auch mangels Alternative, da
alle anderen Abteile ausgebucht sind. Das SONGKRAN Festival steht vor der Tuer.
Es ist das Neujahrsfest der Thais, das auf den Tag der Geburt bzw. der
Erleuchtung Buddhas um den 15. April faellt, bezeichnenderweise auch
Wasserfestival genannt. Zu diesem mind. 3-taegigen Fest zieht es alle nach
Chiang Mai wie zu Karneval nach Koelle. Neben dem Komfort hat das 1. Klasse
Abteil den Vorteil, dass wir uns einschliessen koennen und so vor
Gepaeckdiebstahl, aber auch unliebsamen Drogenschiebern aus der noerdlichen
Grenzregion geschuetzt sind. Es hat in den letzten Tagen wieder vermehrt
Schiessereien mit Drogenschmugglern an der burmesischen Grenze gegeben, gegen
die die Thailaendische Regionen mittlerweile recht hart vorgeht.

Wir erreichen Chiang Mai am Morgen nach 14-stuendiger Fahrt in einer ziemlich
stickigen und diesigen Atmosphaere. Es ist erwartungsgemaess heiss, doch die
Sonne ist hinter der dicken Wolkendecke kaum zu sehen. Wir trotten etwas
benommen, die heissen Rikshaw-Fahrer abwehrend, Richtung Tourist Office. Auf
dem Stadtplan sah es recht nah aus, wir brauchen jedoch fast eine Stunde, bis
wir es erreichen. Dort finden wir einen Haufen niedlicher, netter, froehlich
giggelnder Maedchen hinter einem blanken desk vor, hilfsbereit aber leider
wenig der englischen Sprache maechtig. Die scheinen vor allem die ausgelegten
Prospekten der Hotels und Tourenveranstalter zu beaufsichtigen, mehr ist nicht
zu bekommen. Kein Stadtplan, keine Empfehlung fuer Guesthouses, kein
telefonischer Reservierungsservice, keine Tourenempfehlung oder Hinweise zu
Besichtigungen .... eben nur niedlich! Es dauert fast einen halben Tag, bis wir
ein einigermassen akzeptables, etwas ausserhalb gelegenenes ruhiges Zimmer
finden.

Chiang Mai wurde bereits im 13. Jahrhundert gegruendet und ist damit eines der
aeltesten Zentren und die zweitgroesste Stadt Thailands. Ehemals auch
kulturelles Zentrum Thailands ist es seit Jahrhunderten Streitpunkt zwischen
Burma und Thailand, mehrmals von den Burmesen erobert und von den Thais wieder
zurueckgewonnen. Mit seinen fast 300 Tempeln beherbergt es fast so viele Tempel
wie Bangkok, auf einer sehr viel kleineren Flaeche jedoch. Die Stadt ist von
einem breiten Wassergraben umgeben, die im Inneren die Altstadt mit einem
Grossteil der Tempel und Wats birgt. Das Leben jedoch findet jenseits der
Mauern im Osten statt. Hier befinden sich die meisten Guesthouses, der central
market, craftsmarket uind der riesige night market. Daneben ist Chiang vor
allem bekannt fuer seine guten und guenstigen Schneider und die von hier aus
startenden mehrtaegigen Trekkingtouren in die ueppigen, von recht urspruenglich
lebenden Stammesleuten bewohnten Berge im Umland. Beides wollen wir natuerlich
ausprobieren.

Zuerst wollen wir jedoch die beruehmte Thaikueche etwas besser kennenlernen und
schreiben uns fuer einen halbtaegigen Kochkurs bei Thai Chocolate Cooking
Course ein. Zwei herrlich witzige Thaigirls empfangen uns in ihrem dafuer
eingerichteten, sympathischen Haus mit allen Zutaten und Ausstattungen, die wir
fuer den heutigen Unterricht brauchen. Der Rundgang ueber den lokal market am
fruehen Morgen war ein gutern Auftakt. Wir lernen die unterschiedlichen
Reissorten kennen, sehen Naturreis, wilden Reis, schwarzen Reis, Klebereis (6 h
in Wasser eingeweicht, 1/2 h gekocht, geht zu suessen Bananan) und sog. plan
rice (geschaelter, toter, weisser Reis). Sie zeigt uns die drei grundsaetzlich
unterschiedlichen Curryarten: gelber Curry (unveraenderte indische Mischung),
gruener Curry (Mischung aus 14 thailaendischen Gewuerzen zusaetzlich versetzt
mit Basilikum) und roter Curry (Basis wie gruener Curry, nur mit Chilischoten
statt Basilikum verfeinert). Weiter geht es mit den Gemuese- und Kraeuterarten
fuer Thaigerichte: da gibt es ca. 20 verschiedene eggplants
(Oberginengewaechse), 3 verschiedene Basilikumpflanzen (sweet, normal and holy
bazil), thai coriander, tamarind root (starke Gelbfaerbung), Zitronengras,
Limonenblaetter, longbeans, ginger, thai sellery .... Und dann ging es los in
Zweiergruppen. 5 Gerichte wurden nacheinander nach Anleitung geschnipselt,
vorbereitet, im Takt wie beim Tanz in den Wok befoerdert, gegart und dann
gemeinsam verspeist. Da gab es z.B. die Fruehlingsrollen mit delikater,
suesslicher roter Chillitunke, das Huehnchen mit Cashews in Oystersause,
gruenes Fischcurry, hmmmm, und schliesslich gebackene Bananen mit Honig und
Vanilleeis. Alles geht sehr leicht und vor allem sehr schnell von der Hand.
Kein Gericht dauert inkl. Vorbereitung laenger als 30 min - sehr sympathisch!
Ein rundum spassiger, leckerer und wunderbarer Vormittag!!! Gibt es eigentlich
schon Halbtageskochkurse in Deutschland, so als Vorbereitung fuer die Gaeste am
Wochenende oder einen genussvollen, verfuehrerischen Gourmet-Abend zu zweit?

Schneider, eine Gelegenheit in Chiang Mai! Schneider gibt es wie Sand am Meer.
Den richtigen herauszufinden ist sicher nicht einfach. Da muss man sich schon
auf Empfehlungen verlassen. Eine solche waren wir gluecklich zu bekommen. Auf
der Strasse lernen wir einen Japaner kennen, der mit einer deutschen
Modemacherin verheiratet ist und mich natuerlich gleich als Landesgenossin
seiner Frau identifiziert. Wir kommen ins Gespraech, tauschen uns aus. Er
spricht hervorragend deutsch. Und dann eroeffnet er, dass er eigens zu
individuellen Schneiderarbeiten immer hierher kommt. Unser Glueck! Matthias
laesst sich einen Anzug aus feinem Cashmere schneidern, ich einen aus roter
Wildseide. Edel! Nach zwei Tagen und insgesamt 4 Anproben halten wir zufrieden
die eigens fuer uns hergestellten Stuecke in unserer Hand. Zuhause werden wir
uns ihrer erfreuen koennen. Fuer die Reise sind sie sicher nicht die richtigen
Begleiter.

Und dann kam die Trekking Tour. 3 Tage durch Nordthailands 'Dschungel'. Dicht
bewaldet, hohe, schlank aufragende Baeume, dichtes Blattwerk, unwegsame Pfade,
teilweise kaum erkennbar, scheinbar wahrlos durch den bergischen Wald wandernd
bahnen wir uns den langen, steilen Weg hoch zu einem der Karen-Doerfer. Unsere
illustre Gruppe setzt sich aus 3 ehrgeizigen aelteren, in Kambotscha lebenden
Japanern, einer Orchideen pflanzenden Hollaenderin chinesischen Ursprungs,
einem jungen britischen Paerchen, einer ununterbrochen quatschenden aelteren,
alleinstehenden Thaidame, Matthias und mir zusammen :-) Die Fitnessgrade sind
durchaus unterschiedlich und so verlaeuft die Trekkingtour denn auch wie eine
Zieharmonika. Gluecklicherweise haben wir 3 guides, die die Gruppensplitter
immer wieder zusammenfuehren. Unser Hauptguide, ein Karen, springt wie eine
junge Gams die steilen Haenge hinauf und wir habe Muehe hinterherzukommen. Da
der dicht belaubte Wald kaum einen Panorama Blick auf das sich vor uns
auffaechernde Tal freigibt ist es nicht schlimm, dass unser Blick auf dem
unebenen Untergrund des steilen Aufstiegs vor uns verharrt. Nach einigen
Stunden erreichen wir das Karen Dorf. Jungs in pinkfabenen Baumwollponschos und
Maedels in weissen, langen, mit einem roten Faden in der Mitte durchwobenen
Baumwollkleidchen empfangen uns neugierig, teils zurueckhaltend. Bald schon ist
das Eis gebrochen, als einige von uns ihre Plastik-Wasserpistolen in schrill
scheienden Farben, Luftballons und Malstifte auspacken. Wir spielen mit einem
mitgebrachten, aufblasbaren Erdball, tauschen mit den Kindern Namen aus, 'which
country, age, name, married, children ...?' Es ist ein vorsichtiges
Herantasten, ein zaghaftes sich naehern, waehrend wir auf der Veranda des
Gruppenhauses in der Dorfmitte sitzen. Gleichgewicht, patt: wir betrachten sie
interessiert, sie schauen uns neugierig von allen Seiten an. Eine spannende
Atmosphaere, durchaus friedvoll, wuerdevoll, respektvoll. Wir lernen ein wenig
ueber ihr hartes einfaches Leben, beobachten die Ruhe und Traegheit, mit der
der Tag dahinplaetschert, sehen die fleissigen, geschaeftigen Frauen, wie sie
Kinder, Mann und Haushalt scheinbar muehelos versorgen. Die Kinder, die aus
nichts ein kreatives Spielzeug machen, von denen jeder auf jeden aufpasst. Eine
abhaengige Gemeinschaft mit klar verteilten Rollen und aufgaben, jeder Tag sehr
aehnlich, nur wenn die Touristen kommen .... Eine unruhige, zaehe Nacht
verbringen wir auf einer der haertesten Boeden, auf denen ich je geschlafen
habe, den fremden Geraeuschen ausserhalb unserer Ueberdachung lauschend. Der
Morgen startet mit dem kraeftigem Kraehen der stolzen Haehne und dem Scharren
der ueberall angebundenen 'Hauswildschweine'. Auf Bambusstoecken bekommen wir
die Toasts gereicht, die sich leicht, schnell und schmackhaft ueber dem grossen
Lagerfeuer erwaermen lassen. Mit Butter und Erbeermarmelade werden wir weiter
verwoehnt, ein hartgekochtes Ei fuer jeden und wunderbar saftige, frische
Ananasschiffchen - ein Goetterschmaus! Dies kraeftigt uns fuer den naechsten
Tag und den naechsten mehrstuendigen Marsch durch die waldreiche
Berglandschaft. Das Dahintrotten, die Konzentration auf den Boden und der
lange, doch anstrengende Marsch in gleichem Trott laesst uns ein wenig in
Trance verfallen. Bis auf unsere thailaendisches Radiodame sind fast alle
still, konzentriert, in Gedanken, irgendwie abwesend. Es hat etwas Meditatives,
Beruhigendes, Abgeschlossenes, entlaesst einen in die eigenen kleine
Gedankenwelt und man trottet und trottet den vorangehenden Fussstapfen
hinterher. Keiner sucht mehr nach Panorama, leichtes erschoepftes Schnaufen
dann und wann, aber ansonsten stoischer Marsch, still, fuer sich alleine, im
Gaensemarsch ... Unser Lunch bekommen wir an einer Lichtung mit ein wenig
Wasserfall und einem kleinen zurueckgestauten Wasserbecken zur Erfrischung.
Halbierte Bambusstoecke nutzen wir als Suppenschalen, auf Bambusbaenken an
aufgebockten Holztischen sitzed geniessen wir frische kuehle Getraenke und das
Warme in unserem Bauch. Eine weitere Nacht in einer einsamen Bambushuette am
Wasserfall beschliesst einige schoene Tage in der Natur. Wir sind uns naeher
gekommen, haben uns ein wenig kennen gelernt und eine doch sehr schoene Zeit
miteinander verbracht. Der Pickup wird uns aus der Ruhe und Zurueckgezogenheit
wieder in die Stadt bringen, zurueck ins Leben und mitten hinein in das
feuchte, froehliche Songkran Festival.

Songkran - Koelsche Karneval in feucht. Heiliges Wasser ergiesst sich ueber
jeden, begleitet von Glueckwuenschen zum neuen Jahr. Touris sind gern
eingeschlossene opfer - die gucken immer so erschrocken! Von ueberall kommt
Wasser, aus Bechern, Eimern, Schlaeuchen und Leitungen. Aufgewaermtes von der
Sonne und eiskaltes, gemeines aus gekuehlten Kuebeln. Wir sind wehrlos,
anfangs, bis wir die Fuhre versuchen abzuwenden. Die Temperaturen sind
wunderbar dafuer, es ist warm und so koennte man schnell trocknen. Leider
erreichen wir das Stadium nie, weil uns zuvor immer wieder eine neue Fuhre
erwischt. Manche haben eine suesse, fast entschuldigende Art, langsam einen
kleinen Becher vorsichtig in den Nacken zu ergiessen, verbeugen sich und
wuenschen von Herzen Glueck und alles Gute. Andere halten einem unverfroren den
Schlauch ins Gesicht, begiggeln sich Freude, bis man das Schlauchende erwischt
und gegen den Gluecksritter wendet. Das moegen sie dann nicht mehr so .... Die
Strassen rund um den Wassergraben sind voll blockiert, ueberall werden kleine
und grosse Wassereimer verkauft, in den Graben gehalten und zur naechsten
Beglueckwuenschung in die Menge gepfeffert. Pickups blockieren die Strassen,
hinten Junge und Alte mit grossen Kuebeln, laut droehnt der Thaipopp aus der
Radioanlage, aus jedem Fahrzeug eine andere, sie tanzen, lachen, ducken sich
vor den herschnellenden Wassermassen aus dem benachbarten Fahrzeug um fuer sich
eine gute Gelegenheit zum Feuern zu gewinnen.... Es ist ein ausgelassenes ,
lustiges, froehliches, lachendes, wirklich nasses Fest. 4-5 Tage Wasser, Tanz,
Paraden von allen Seiten, Ausgelassenheit, Schwung, Freude. Dann reicht es
auch. Am 4. Tag koennen wir kein Wasser mehr sehen, wollen endlich mal wieder
trocken sein, geradeaus schauen koennen, ohne tief in einen Wasserstrahl zu
blicken und einfach nur gelassen spazieren. Wir geniessen den letzten trockenen
Tag in Chiang Mai und die lustigen Erinnerungen an feucht-froehliche
Wassergruesse, bevor wir nach Kambotscha aufbrechen.