Tatis Reisetagebuch
17.04.2003
Cambodia - Empfang mit bettelnden Haenden
Grenzuebergang Poipet in eine andere Welt, eine arme Welt, eine vom Krieg,
Genoziden und Landmienen erschuetterte Welt. Armut schleudert einem schon am
Grenzuebergang von Thailand nach Kambodscha ins Gesicht. Dritte Welt! Bettelnde
Kinder empfangen uns mit diesem gekonnt Mitleid erregenden Gesichtsausdruck,
mit schmutzigen, verklebten kleinen Haendchen, die sich uns entgegen strecken,
verstaubten und zerrissenen Kleidern, verfilzten Haaren und verschmierten
Gesichtern. Den kleinen Bruder hat die vielleicht 8-Jaehrige in einem Tuch auf
den Ruecken geschnallt. Grosse braune, bettelnde Kinderaugen lenken von den
kleinen, flinken Fingern ab, die zielgerecht und gekonnt in unsere Taschen
wandern, waehrend wir nach Namen, Alter und Schule fragen. Eine traurige Welt,
in der Kinder elternlos, ohne Aufmerksamkeit, Liebe, Achtung, Zuwendung bereits
die linkischsten Tricks lernen muessen, um sich durchzuschlagen. Sie erzeugt
Trauer, Mitleid, Mitgefuehl und ploetzlich Wut, Enttaeuchung, Unverstaendnis,
Aggression im Moment des erkannten Betruges. Und doch wieder kein Betrug, denn
das Elend und die Armut sich echt! Die Kleinen haben sich arrangiert -
gezwungenermassen - sind abgebrueht und strategisch versiert, ziehen gekonnt
die passende Karte, spulen die zugeschnittene Rolle ab. Aha, wieder eine von
denen mit dem Schultick - da passt als Antwort 'hungrig kann man nicht lernen'
oder 'wenn du mir kein Geld gibst, habe ich kein Glueck im Leben'. Gegenwehr
fordert sie heraus, es gibt nichts zu verlieren. Das Spiel wird intensiver, das
bettelnde Haendchen kommt immer naeher und mit ihm das ganze, kleine
ausgezehrte Kind. Immer mehr Kinder folgen, bis man inmitten dieser leidenden,
unheimlichen Truppe aus harmlos bedrohlichen Halbwuechsigen steht. Erst wird
ohne Angebot bettelt, dann mit Verkaufsangeboten von Postkarten, Getraenken,
Floeten ... Und immer und ueberall erschallt das 'buy-for-me', waehrend sich
die anderen Haendchen und Stimmen ebenso energisch dazwischen schieben, die
Gesichter immer ernster und auffordernder werden. Die Klammer- und
Bedraengungsstrategie ist nachhaltig und schliesslich oft erfolgreich. Angst
vor Kindern - was fuer eine absurde Situation! Der Schein scheint der einzige
erloesende Weg aus dem Dampfkessel, doch er bleibt nie nachhaltig, er wirkt nie
befriedigend und es ist nie nur ein Kind. 'School, yes! Now holiday!' sagen sie
auf unsere Fragen mit diesem fast etwas veraechtlichen Laecheln im Gesicht. Sie
kennen unser Anliegen und die Motivation hinter unserem schlechten Gewissen,
die Wirkung der ungleich und ungerecht verteilten Welt. Natuerlich fragt fast
jeder verantwortungsbewusst nach der Schule, denn Bildung ist ja wichtig, nur
mit Bildung kann man dem Teufelskreis der Armut entfliehen. Das jedenfalls
glauben wir, die wir aus dem Land mit den wahrscheinlich bests ausgebildeten
Taxifahrern kommen. Aber Armut macht hungrig, wuetend, gleichgueltig... 'Erst
kommt das Fressen, dann die Moral.' Und was heisst schon Moral, wenn mit
ausreichend Penetranz und Bedraengung doch das erstrebte, lebensnotwendige Ziel
erreicht wird: Geld! Dankbarkeit? Wofuer? Die Welt ist ungerecht verteilt und
man holt sich nur ein winziges Stueck davon. Bleibt die Strategie erfolglos,
der Umgarnte anteilnamslos und stur, schleudern sie uns ihre ganze Frustration
entgegen. Sie schreien, dass sie Amerikaner hassen, dass sie Sadam Hussein
lieben und er die Amerikaner vernichten wird ....

Wir sind in Kabodscha, gerade wenige Stunden und das Land hat uns schon mehr
vereinnahmt, konfrontiert und gedanklich gestimmt, als die anderen Laender es
bisher vermochten. Herzlichkeit und Hass, Waerme und Ablehnung, Freude und
Haehme, niergends habe ich sie bisher so nah beieindander erlebt. Das Abwimmeln
von Kindern ist schrecklich, grausam, koerperlich und seelisch anstrengend. Bei
Ablehnung verstehen sie ploetzlich kein Englisch mehr. Ablehung ist Gift fuer
sie und Gift verspruehen sie, wenn sie Ablehnung erfahren. Wo soll sich wohl
auch Stolz und Wuerde entwickeln, wenn zumeist mit rueder, respektloser
Ablehung begegenet wird. Was gibt es auch schon zu verlieren? Wie ploetzlich
das Kind aus ihrem kleinen, fein geschnittenen Gesicht verschwindet, wenn man
sich nicht erweichen laesst. Wenn man verantwortungsbewusst, engagiert und doch
etwas hilflos von Entwicklung, Schule und Zukunft faselt. Sind sie noch zu
retten? Zu retten aus der Brutalitaet und Aggressivitaet, die ihr Zustand
verursacht, aus der Respektlosigkeit, die ihnen taeglich widerfaehrt, aus der
Welt, die wir ihnen bereitet haben? Wo ist der Hebel, welcher ist der
Schluessel aus dem Teufelskreis? Fuehrt Bildung tatsaechlich aus Armut und
Kriminalitaet? Koennen wir das fuer unsere eigenen Laender sagen? Wie vielen
Kindern habe ich bisher schon das taegliche Brot verweigert und wie viele
werden es noch werden? Kann ich ihnen anderes, mehr geben als die Saettigung
fuer den Moment? Der Motor im Kopf ist angesprungen und findet keine Ruhe
mehr .....