Tatis Reisetagebuch
06.06.2003
Varanasi - Zwischen Leben und Tod
Wie ein Film erscheint die Stadt, skuril, kurios, aussergewoehnlich, weltfremd,
ungeheuerlich, ueberraschend an jeder Ecke, voellig unwirklich. Die Stadt
erhebt sich rechts des Gangesufers steil auf, unzaehlige ghats klettern in
breiten Treppenkaskaden das Ufer empor und fuehren oben in die kleinen, engen,
verwinkelten Gassen der Altstadt. Dahinter vom Ufer entfernt faechert sich die
heiligste Stadt Indiens in breite Promenaden, britisch gepraegten Vierteln und
schliesslich in die verarmten Vororte. Auf der anderen Uferseite sandige
Ebenen, Auffangbecken der kommenden Wassermassen waehrend der Monsumzeit.

Eines der bekanntesten ghats ist der Jalasi ghat, wo die Leichenverbrennungen
stattfinden. Aufgebahrt auf Bambusstangen, umhuellt in golden glaenzenden
Tuechern, Blumen, Bambuswedeln werden die Verstorbenen von 4 Maennern durch die
Enge der Altstadtgassen hinunter zum heiligen Wasser des Ganges getragen, and
dessen Ufern ihre sterblichen Ueberreste verbrannt werden, waehrend die Seele
dem ewigen Nirwana entgegenstrebt. Es ist eine Ehre, in Varanasi zu sterben,
einem heiligen Ort des Hinduismus, der den Aufstieg in die ewige Ruhe oder ein
besseres naechstes Leben mit einem guten Kharma verspricht. Entsprechend ihrer
Kaste ist den Verstorbenen ein anderer Verbrennungsplatz zugewiesen, ganz unten
direkt am Ufer jene niedrigster Kaste, weiter aufsteigend die hoeheren Kasten,
etwas seitlich und hoeher versetzt die Priester- und Soldatenkasten. Am Ende
finden die aeschernen Ueberreste alle den gleichen Weg in die Fluten des
heiligen Flusses - er macht keine Unterschiede! 250 kg Mangoholz werden fuer
die Einaescherung des Leichnams benoetigt. Sie werden von den am Ufer liegenden
Transport-Booten gekauft und zu einem Scheiterhaufen am bestimmten Platz
aufgetuermt. Entzuendet wird das lodernde Grab mit dem ewigen, 1000-jaehrigen
Feuer des Brandplatzes, kein Streichholz, kein Feuerzeug haben hier etwas
verloren. Dann lodert der aufgebarte tote Koerper 3 Stunden in den gluehenden
Schaechten, bis er vollstaendig verbrannt und seine Ueberreste in einer Urne
gesammelt wird. Hier und dort wird mit langen Bambusstoecken der vollstaendigen
Verbrennung nachgeholfen. Aus einem Scheiterhauen schauen noch die
unverbrannten Beine und hennagefaerbten Fuesse hervor, die Fussringe blitzen
noch an den Zehen. Mit dem langen Bambusstab treibt einer der Maenner die
abgetrennten Beine zurueck in den Scheiterhaufen, tiefer und tiefer, bis sie im
lodernden Holzgebinde verschwinden. Ich schaue von dem Balkon des angrenzenden
Mutter-Theresa-Hauses zu, hinunter auf den Verbrennungsplatz, emotionslos,
unerschrocken. Ich spuere nichts ausser dem Interesse und der Faszination am
Vorgang, an der Kultur und am Ritual. Tod ist hier ein natuerlicher, integraler
Bestandteil, zu natuerlich und zu wuerdevoll, um zu erschrecken. Rund um die
Uhr sind die Verbrennungsplaetze frequentiert, immerzu brennen mind. 2 Feuer
und schon erscheint wieder eine naechste Totenprozession, die sich durch die
Altstadtgassen hinab zum Verbrennungsufer bahnen. Die Verbrennung wird
begleitet von den maennlichen Familienangehoerigen, Frauen sind nicht
zugelassen. Ihr Weinen, Klagen und Wehen koennte die Seele am Verlassen des
Koerpers hindern. Man erzaehlt sich auch die Geschichte von Sarti, die aus
Kummer ueber den Tod ihres Mannes ihm in die Flammen des Scheiterhaufens
folgte. Das Glueck einer Einaescherung am Gangesufer haben nur natuerlich
verstorbenen Personen. Tote durch Vergiftung, Unfall oder Erkrankung muessen
zurueck in den elenden Zyklus der Wiedergeburt.

Fuer manche Tote fuehrt der Weg am Scheiterhaufen vorbei direkt in die reinen,
heiligen Gewaesser des Ganges. Jene reiner Seele wie Kinder unter 10,
Schwangere, Sadduhs und Priester, Tod infolge eines Cobrabisses werden von den
Angehoerigen im Boot auf die Flussmitte hinausgefahren und dort den heiligen
Stroemen uebergeben. Manche von ihnen treiben die Gangeswellen ans Flussufer
zurueck, wo sie als steife Wasserleiche fuer einen Moment auf den Wellen
treiben, bis die Natur sie in den Prozess der Verwesung aufnimmt. Umgeben von
Muell, Faekalien, aufgedunsenen Tierkadavern, schwimmenden Bullen ... und
froehlich im Wasser schwimmenden Jungs und Maennern. Am Fluss ausserhalb des
Freilicht-Krematoriums liegen die Waschplaetze fuer Koerper und Waesche. Alles
ist so widerspruechlich, nichts passt zusammen und doch stoert nichts diese
skurile symbiotische Atmosphaere. Nichts kann fremd und aussergewoehnlich genug
sein, um hier wie ein Fremdkoerper zu wirken. 24 Stunden Verbrennungen legen
einen zedernversetzten Rauch ueber die STadt, erstaunlich wenig uebelriechend
und eklig zumeist. Dort, wo sich die Asche der Verbrennungen mit dem
Gangeswasser vermischen, duempelt das Boetchen einer aelteren, eleganten,
stummen Dame. Sie ist die Grundstueckseigentuemerin, die Geld von den
trauernden Familien fuer die Nutzung ihres Platzes als Krematorium erhaelt.
Neben ihr die von der Asche schwarzgefaerbten Schuerfer, die die Ueberreste des
zurueckgelassenen Gold- und Silberschmucks der Toten suchen.

Frueh um 5 Uhr beginnt der Tag in Varansi. Das Klopfen der dhobi-wallahs
schallt vom Flussufer herauf. Mit Wucht klatschen sie die eingeseiften
Waeschestuecke im Takt auf den Waschstein am Uferrand, ziehen es durch das
Gangeswasser, um es dann erneut kreisend auf den Stein zu schleudern. Keine
sanfte Waesche und so mancher Sari und einige Bettuecher koenen die Loecher und
ausgefransten Enden nicht verbergen, wenn sie anschliessend am Flussufer zum
Trocknen auf die staubig-schmutzige Wiese und die mit Bullenkot gefleckten
Treppenzeilen drappiert werden. Schon nach 1 bis 2 Stunden werden die frisch
gewaschenen Waeschestuecke fein saeuberlich zusammengelegt, in Waeschepakete
verpackt und wie durch ein Wunder oder eine Geheimschrift gekennzeichnet ihren
richtigen Besitzern zugestellt. Dort, wo am Morgen das herrliche Bunt der
aufgefaecherten Waesche zu sehen war, spielen am Nachmittag die Jungs Baseball
mit liebevoll provisorisch geschnitzen und zusammengesteckten rackets und
Tennisbaellen, deren ehemaliger gelber Filz nur noch erahnen laesst. Ihr
geschicktes und routiniertes Spiel wird fast ungestoert um die Passanten herum
arrangiert.

Am Morgen zwischen 5 und 7 Uhr ist auch die Zeit der Boot-Rikshas. Dann geht es
auf dem Ganges dem Sonnenaufgang entgegen, der die malerische Uferkulisse von
Varanasi in ein warmes, verschlafenes Rotbraun huellt und dem Ort eine
mystische Stimmung verleiht. Wir fahren am Ufer entland flussaufwaerts, vorbei
an den Waschplaetzen der wallahs, den vielen lebendigen Wasch- und Badeplaetzen
der Inder. Ueberall glaenzen ihre nassen, goldbraunen Koerper im Wasser, das
sanfte Morgenlicht legt sich auf ihre froehlichen, lachenden Gesichter und
leuchtet ihr nasses, schwarzes Haar an. Manche kraulen ausgelassen heraus zu
uns ans Boot, rufen, lachen, winken und fragen nach name, profession,
country ... Die Aelteren in Ufernaehe beschraenken sich aufs waschen und
winken manchmal zaghaft herueber aufs Wasser. Mit spaerlichem Adamskostuem
verhuellt seifen sie sorgsam ihren ganzen Koerper ein, bevor sie fuer einen
kurzen Moment des Abspuelens ganz im Gangeswasser verschwinden. Es wirkt
reinigend, erfrischend und belebend aus der Distanz. Waere da nicht 20 m
flussaufwaerts der stinkende, aufgedunsene, verwesende Kadaver eines am
Uferrand treibenden Bueffels.

Wir fahren am Verbrennungsplatz vorbei, wo die Zeremonien unaufhoerlich
andauern. Boote, schwer mit dem Verbrennungsholz beladen ankern am Ufer, die
Rauchschwaden der Scheiterhaufen steigen auf, die Balkone der Mutter-Theresa-
Haeuser blicken uns stumm aus dem Hintergrund entgegen und einige Seelen
scheinen gerade ihre sterblichen Ueberreste zu verlassen und gen Nirwana
aufzusteigen. Still liegt der Platz da, faszinierend, ruhig und verhalten die
Atmosphaere, wie ein Film in Zeitlupe, schwarz-weiss und noch ohne Ton.
Fotografieren ist nicht erlaubt, da es die Seelen am Verlassen der Koerper
hindern koennte. Weiter flussaufwaerts und mit zunehmendem Sonnenaufgang werden
die Ufer saeumenden Maharadja-Palaeste in ein warmes, malerisches Pastel
getaucht. Viele dieser Villen sind mittlerweile ungenutzt, andere wurden an
Hotels oder vermoegende Privatpersonen verkauft. Sie haben sicher schon bessere
Zeiten erlebt und einst strahlten die elegant und erhaben ueber den Ufern des
Ganges tronenden Palaeste Reichtum, Eleganz und Macht aus. Heute reicht die
verbleibende Farbe nur noch fuer die Erinnerung, langsames Sterben wie vor der
Kulisse Venedigs.

In den quirligen Gassen der Altstadt, verwinkelt, eng, umsaeumt von 3-4
stoeckigen, angeschwaerzten Haeusern, unten ein kleines Geschaeft, eine Auslage
oder ein Restaurant, ist geschaeftiges Treiben. Es wird verkauft, gekauft,
Staende mit immergleichen und doch etwas anderen Angeboten. Kuehe schieben sich
zwischen Rikscha-Fahrer, Fahrraeder und Passanten, scheinbar voellig
unbeteiligt, wuehlen im Muell der Zivilisation, stehen, entleeren ihre Daerme
platschend auf der Gasse und trotten unbeeindruckt weiter. Und schon bahnt sich
der nachstroemende Verkehr wie Ameisen einen neuen Weg um die breiten,
rutschigen Fladen. Von rechts und links werden Papierabfaelle aus den
Geschaeften herausgeworfen (eine sehr eigenwillige indische Art der
Abfallentsorgung) und vermischen sich mit dem neuen, zaehen Nass bis
schliesslich alles getrocknet, verteilt und ausgetreten die Grundfarbe des
Gassenbodens annimmt. Die Auslagen an Kleidern, saris, Tuechern, tauchen die
Strassen in kraeftig bunte Farbgemische und hellen den sonst so dunkel
wirkenden Gang freundlich auf. Jede Gasse ist anders, jeder Winkel hat einen
eigenen Charakter. Szenen entstehen, wirken ergreifend und versiegen im
naechsten Moment, um einem neuen, skurilen, schoenen und sonderbaren Bild Platz
zu machen. Maenner sitzen auf kleinen Steinvorspruengen am Strassenrand,
trinken Chai und quatschen oder beobachten wortlos das Treiben. Ein Bueffel
schiebt sich ins Bild und trottet durch die Gasse. Eine Rikscha kommt von der
anderen Seite, von links zwei Fahrradfahrer und ein Moped. Stau auf der Gasse,
Abwarten, das orange-gelbe Gewand eines Sadduhs schiebt sich dazwischen, die
bunten Saris der Frauen bringen Farbe ins Bild ... und ploetzlich loest sich
alles auf. Weder Bueffel noch Rikscha sind zu sehen, die Personen sind voellig
ausgewechselt und nichts scheint an die soeben verschwundene Szenerie zu
erinnern ... bis auf die beiden blass gekleideten Chai schluerfenden Maenner am
Strassenrand.