Tatis Reisetagebuch
04.03.2003
Singapore - Unterwegs in der Stadt
Singapur, das Loewenland, wie der Entdecker es nannte.
Singapur lastet etwas das Image an, eine zwar sehr saubere, reichen und
erfolgreiche Stadt zu sein, aber eben leider auch etwas langweilig. Eine Stadt
des beruflichen Erfolgs, Business-City, Finance Towers, Ehrgeiz und Wettbewerb,
alles kaeuflich verfuegbar, was der seelenverwandte Westen anzubieten hat,
sicherlich - aber eigene Kultur, Unterhaltung, Geschichte ….? Tatsaechlich hat
Singapur trotz oder gerade wegen der langen Fremdbestimmung durch Kolonialzeit
und Zugehoerigkeit zu Malaysia bis vor 38 Jahren kaum eigenstaendige Geschichte
und Kultur aufbauen koennen. Umso intensiver ist die Regierung jetzt bemueht,
dieses touristisch unattraktive Image aufzupolieren. Dazu werden viele
interessante Unterhaltungs-, Informations- und Vergnuegungszentren aufgebaut,
Kulturzentren eroeffnet, international renomierte Kuenstler ins Land zu
Konzerten und Vorstellungen eingeladen. Was hier gemacht wird, wird gruendlich
gemacht mit viel Einsatz von Geld und Engagement. Entsprechend attraktiv sind
sie auch.

Singapur hat nicht nur Hochhaeuser zu bieten, sondern auch sehr viele gruene
Inseln, die Lungen der Stadt, und einige sehr typische Viertel wie Little
India, China Town oder Arab Street. Einer dieser wunderschoenen Parkanlagen ist
Fort Canning im Zentrum der Stadt. Dieser auf einem kleinen Huegel angelegte
Park galt frueher als verbotener Ort, an dem die Goetter wohnen. Die Einwohner
der Insel haben ihn nicht betreten, bis die Briten ihn erforschten, alte
Kulturgueter freilegten und eine Parkanlage daraus machten. Neben einer durch
Infotafeln begleiteten Fuehrung durch die Geschichte Singapurs findet man hier
z.B. auch alte Ausgrabungsstaetten, ein Schulungs- und ein Musikzentrum und das
Standesamt der Stadt. Hier bieten sich fuer die jungen Paare nicht nur die
amtlichen Anlaufstellen, sondern auch ein Infocenter zur verantwortungsvollen
Vorbereitung auf die Ehe. Denn Ehe bedeutet auch Kinder und Kinder, bzw.
Nachwuchs gibt es in Singapur nicht genuegend. Also wird auch hier nachgeholfen
mit romantischen Vorbereitungsfilmen, Hinweise auf die Bedeutung der Ehe und
auf die grosse Veranwortung, die die Paar mit dem Jawort fuer die Ewigkeit
uebernehmen. Weil praktisch, kann man hier auch gleich sein Hochzeitskleid
kaufen bzw. Entsprechend der eigenen Wuensche naehen lassen. Wegen der
besonderen kulturellen Unterschiede gibt es fuer moslimische Paare eine
gesonderte Anmelde- und Vorbereitungsstellen.

Besonders informativ und wunderschoen sind die Fuehrungen durch den Kraeuter-
und Pflanzengarten mit all ihren verschiedenen Arten und Dueften wie Ingwer,
Limonen, Basilikum, Currypflanze, Nelken, Pfeffer, Durian, Kokosnuessen …. –
herrlich! Habe zum ersten Mal einen Pfefferbaum und einen Pfefferbusch gesehen
mit seinen paarweise angeordneten Dolden. Der Geruch des Curryblatts bleibt,
wenn man es zwischen den Fingern reibt, Ewigkeiten an den Fingern. Schon beim
leichten Anreissen eines Blatts der Limonenpflanze entfaltet sich ein
intensiver, frischer Geruch, der in der Frucht selber noch intensiver ist.

Die Fuehrung durch den Kraeutergarten ist Teil eines Kochkurses, den man hier
auch halbtagesweise belegen kann. Hier kann die der Gesellschaft verpflichteten
Hausfrau ganz nebenbei fuer das anstehende Fest einen menuebezogenen Quicky
Kochkurs einlegen, um die eingeladenen Gaeste am Wocheende mit Rafinessen der
asiatischen Kueche zu beeindrucken. So auch Mette und ich. Am Freitag vormittag
haben wir einen halbtaegigen Kochkurs in cantonesischer Kueche fuer 75 SGD (ca.
38 Euro) belegt. Der enthaelt die Fuehrung durch den Kraeutergarten, die
Anleitung und das Vorkochen durch den Kuechenmeister, die Nahrungsmittel, den
frischen Limejuice und das anschliessende Essen des eigenen Gebrutzels mit dem
Koch. Es gab Ente cantonesisch mit bekanntem Ingwer und Knoblauch auf Nudeln in
einer Soja-, Krabbensaucenjus mit chinesischem Blattgemuese. Dann Snapperfilets
in einer Limonen-, Pilzsauce an Blattgemuese und schliesslich eine Nudelsuppe
cantonesisch. Die Rezepte habe ich nach Hause geschickt - Mutige sind nach
meiner Rueckkehr zum Probieren gefragt ...

Ein wunderbares Erlebnis war daneben die Fussreflexzonenmassage. Sie
unterscheidet sich deutlich von der Fussreflexzonentherapie, die ich
ueblicherweise in heimischen KG-Praxen kennengelernt habe. Hier gibt es
zunaechst ein duftiges Fussbad, kiloweise Crème auf die Fuesse und dann legt er
los, der Masseur. In einem Tempo, das man glaubt, jeden Moment weilweise den
dicken Fusszeh zu verlieren oder aber gleich den ganzen Fuss abgeschraubt zu
bekommen – wow! 40 Minuten an der Schmerz-, Reiz- und Schreigrenze. Manche
behaupten, es sei sehr entspannend. Es ist in jedem Fall spannend und ein
unbedingtes Muss!

Auch nicht zu verpassen ist die Night Safari im ensprechenden Safari Park im
Norden der Stadt. Hier sieht man nachtaktive Tiere wie Tiger, Leoparden, Pumas,
Schlangen, Ottern (und wie die stinken!), Spinnen, Flughunde (beeindruckende
Viecher), Nashoerner, Hippos, usw. Man kann den Park wahlweise durchfahren auf
einer Art Eisenbahnbus oder durchwandern auf vorgegebenen Pfaden. Beides ist zu
empfehlen, weil sie unterschiedliche Eindruecke ermoeglichen. Hier hatte ich
meine erste Erfahrung mit einer Python. Sie hat eine weiche, erstaunlich zarte
und geradezu angenehme Haut – schoenes Gefuehl! Auch der Zoo Singapurs ist als
einer der schoensten Zoos der Welt bekannt.

Ein Spaziergang am Hafen verbindet die alte mit der neuen Welt. Hier ist
natuerlich die alte Welt eher etwas touristisch konserviert, voll von
Restaurants, Souvenirshops und Kramlaeden. Viel originaler und deutlich weniger
touristisch sind die typischen Viertel. China Town ist ein einziges Gewusel aus
geschaeftigen kleinen und groesseren Laeden, jeder Winkel ausgenutzt. Es wird
gehandelt, gedealt, gefeilscht, verkauft. Die Auslagen liegen eng
nebeneinander, bunt gemischt, geruchsintensiv bei den Pilz- und Gewuerzlaeden,
leichter Krabbengeruch liegt in der Luft, hier und da wieder die aufsteigende
Faeule, dann wieder das Aroma chinesischer Kueche aus einer anderen Ecke.
Haeuser der typischen chinesischen Bauweise, schmal, 2- bis 3-stoeckig,
balkongesaeumt mit hohen Laeden in der oberen Etage, unten Verkaufsraeume, bunt
getuenscht in rosa, blau, rot, gelb. Ueberall Angebotsschilder, bunt,
ueberander, nebeneinander, wo sich noch Platz findet, blinkende Leuchtreklamen -
vor lauter Baeumen sieht man den Wald nicht mehr. Geschaeftigkeit umtreibt die
Verkaeufer und Leute in den Strassen, zuegige Schritte, schnelles, lautes
Sprechen, Rufen und Anbieten, gelenke Bewegungen … eine bunte, spannende, sehr
eigenwillige Welt, weit, weit weg von der Stadt Singapur und doch mittendrin.

Little India, eine wiederum ganz andere Welt. Die Gebaeude sind hier in eher
dunkleren Toenen, gedeckt, zurueckgezogener die Laeden, weniger ausladend.
Maenner sitzen gemuetlichin beieinander in dunklen, von Fans umquirlten
Teekneipen, schluerfen ihr Getraenk, unterhalten sich oder sitzen einfach nur
beieinander. Frauen fuehren ein, zwei kleine Kinder an der Hand, bewegen sich
elegant und kunstvoll durch die Maennerwelt. In den Auslagen Indische Kleidung,
kunstvoll, farbenfroh, bestickt mit glitzernden Perlen, weich und wallend
fallend, schoen anzusehen. Hier herrscht ein ganz anderes Lebenstempo,
gelassen, bedaechtig, zuweilen schleichend. Die Strassen duften nach
verschiedenen Currys, bisweilen ueberdeckt von den blumigen Raumsprays der
Geschaefte.

Egal in welchem Viertel man sich bewegt, das landestyische Essen laesst einen
immer recht intensiv an der Kultur und am Leben der Menschen hier teilhaben.
Man kann sich zu ihnen setzten und kommt ueber das immer leckere, wuerzige und
gemuetlich Essen mit ihnen ins Gespraech – fuer eine kurze Weile kann man tief
hier eintauchen und hat eine wirklich schoene Zeit fuer einen zudem auch noch
sehr guenstigen Preis. Uebringes passt ein gutes, kuehles Sinpapur Tiger Bier
zu vielen Essen, hmmm!

Einiges konnte ich von dieser Stadt mitnehmen. Bestimmt hat die Unterkunft bei
Mette und Axel ein laengeres, tieferes und auf jeden Fall luxurioeseres
Eintauchen in die Stadt ermoeglicht, als das fuer den typischen Besucher ist.
Jetzt draengt es mich in die Natur. Morgen frueh geht es von dem unbedeutenden
Bahnhof im Sueden Singapurs nach Malaysia.