Tatis Reisetagebuch
17.03.2003
Penang - In und um Georgetown
Penang ist durch eine mehrere Kilometer lange Bruecke mit dem malayischen
Festland verbunden. Sie gilt als die groesste Insel Malaysias, lebt sowohl vom
Tourismus wie auch von der Industrie. Hier im Norden finden sich Malaysias
groesste Automobil-, Textil- und Fischverarbeitungsfabriken. Georgetown ist
eines der Zentren des Nordens, an der Nordostkueste der Insel (Pulau) Penang
gelegen und fuer viele ein Zwischenstop auf dem Weg nach Langkawi, Malaysias
bekanntester Urlaubsinsel.

Spaziergang durch das morgentliche Georgetown. Die Rikscha-Fahrer schlafen noch
zusammen gekauert auf den Ruecksitzen ihrer Raeder, die ersten Garkuechen
dampfen schon vor sich hin, Huehnchen wird gekocht und auf Bambusstoecken
gespiesst gegrillt. Der Duft frischer Nudelsuppe steigt mir in die Nase – ein
guter Start in den Morgen! Im Nebenhaus waescht ein Malaye seinen Hund,
waehrend eine aeltere Dame Obst fuer Buddah auf dem kleinen Strassenaltar
drappiert. Georgetown wacht langsam auf, der Verkehr beginnt zu fliessen, die
ersten Rikscha-Fahrer recken sich und bieten wie auf Knopfdruck ihre Dienste
an. Behelmte Mopedfahrer tauchen die Strassen in droehnenden Laerm auf dem Weg
zu ihrer Arbeit. Die Temperatur hat 30 Grad bereits ueberschritten, ueberall
laufen Fans und Klimaanlagen auf Hochtouren. Es ist Sonntag morgen, wir nehmen
den Bus zum Penang Hill, der hoechsten Erhebung der Insel, um einen
morgentlichen Blick auf die Stadt zu werfen. Die Klimaanlage rattert und
naesst, statt zu kuehlen, bin noch etwas muede, aber voller Neugierde.

Am Fusse des Penang Hill findet sich Malaysias groesste buddhistische
Tempelanlage, Kek Lok Si. Sie ist beeindruckend gross, bunt, verspielt, nahezu
kitischig fuer unseren Geschmack. Mehrere Tempel sind hier ineinander
geschachtelt, teilweise umgeben von eigenen Saeulengaengen, geschmueckt mit
Innenhoefen, umsaeumt von Seitenkapellen. Ueberall Buddahs in vielfaeltiger
Variation an Groesse, Farbe, Ausdruck und Menge. Die Waende des ersten
Innenhofs sind gesaeumt von bunten, glitzernden kleinen Buddahs, die den
grossen, goldenen Buddah in der Mitte des Tempelraums umrahmen. Die Innenwaende
des Tempels werden von Buddahkacheln geziert in rosa, hellblau und gelb. Die
Miniaturbuddahs darin sind goldfarben und silber, z.T. mit roten und blauen
Halbedelsteinen garniert. Aus Lautsprechern dringen chinesisch-meditative
Klaenge, Lieder mit so einfachen wie einpraegsamen, angenehmen Grundmelodien,
stetige Wiederholung des recht einsilbigen, harmonischen Refrains. Die Musik
huellt den Ort in eine spirituelle Wolke, die goldenen Figuren erhellen den
Raum in einem warmen, milden, glaenzenden Licht, die Figuren strahlen Ruhe,
Guete und Gelassenheit aus und man wird von dieser Mystik geradezu
davongetragen. Man moechte verweilen und die Entspannung und Ruhe auf sich
wirken lassen, um das gelassene und friedvolle innere Gefuehl mit sich
davonzutragen. Wir steigen den runden Turm hinauf, runde Raeume stapeln sich
uebereinander, nach oben hin sich verjuengend. In jeder Etage mit Buddahkacheln
geteafelte Wande in einem Grundton, gruen, rosa, gelb, lila, in der Mitte des
Raumes eine goldfarbene Buddahstatue in unterschiedlicher Pose, und dann wieder
eine naechste Wendeltreppe hinauf in den naechst kleineren Buddahraum. Von ganz
oben haette man einen wunderschoenen Blick ueber Georgetown mit seinen
verstreuten, postsozialistisch anmutenden Hochhaeusern, dem quirligen China-
Town in der Ortsmitte, den sandigen Straenden an der Nordkueste und die
beeindruckende Bruecke zum Festland, wenn es nicht gerade total diesig waere.

Wir wollen hoeher hinauf, weniger, weil wir eine bessere Sicht erwarten, als
vielmehr, weil wir dort gewesen sein wollen, auf der hoechsten Erhebung von
Penang, dem Penang Hill. Etwas nach dem Weg suchend werden wir von einer
Buddhistin im Auto aufgegabelt und zur Zahnradbahn gefahren – eine gute Tat
fuer heute. Als wuerde ihr das zu ihrem Glueck heute nicht reichen, gabelt sie
uns auf dem Rueckweg auch wieder auf und faehrt uns zum Ausgangspunkt der Busse
zurueck- sehr beeindrueckend! Wirklich interessant auf dem Penang Hill ist das
Nebeneinander der Hauptreligionen. Ein buddhistischer Tempel steht in der Naehe
der Moschee, dahinter eine christliche Kirche – friedvoll wie wahrscheinlich
sonst fast nirgendwo. Wir beobachten die vielen Familien, die ihren Sonntags-
Picknick Ausflug hierher machen, junge Paerchen, die mal “alleine” sein wollen
und Cliquen in Feierlaune. Der Ausblick ist erwartungsgemaess vernebelt, aber
die Atmosphaere entspannt und einfach nett.

Am Abend Kultur: Besuch des chinesischen Theaters mit Ang. Bunte, laute,
glitzernde Theaterwelt, die die alten Geschichten aus Shanghai erzaelt. Es sind
die Geschichten einer Familie, seit Jahrhunderten erzaehlt, weitergegeben und
auf die Buehnenbretter gebracht, muendlich ueberliefert von Generation zu
Generation. Sie erzaelen von Kaempfen, Tod, Liebe und Glueck, die Urelemente
von Geschichten und Maerchen. Ang, dessen Familie das hiesige Theater betreibt,
erklaert uns die Bedeutung der Kostuemfarben: rot ist die Farbe der Krieger,
blau und gelb sind den Schuelern vorbehalten, Schwarz mit einem Drachen
symbolisieren Mitglieder der Kaiserlichen Familie. Bis vor 100 Jahren waren die
Schauspieler ausschliesslich maennliche Darsteller, die auch weibliche Figuaren
dargestellt haben. Heute ueberwiegen in Angs Familie mittlerweile die Frauen,
die nun auch Maennerrollen uebernehmen. Bis noch vor einem Jahr war der
Theaterbesuch ausschliesslich Chinesen vorbehalten. Fernsehen und Kino haben
jedoch in den letzten Jahren das chinesische Publikum deutlich geschmaelert. So
hat sich die Familie zur Oeffnung fuer Touristen entschieden, in der Hoffnung,
Popularitaet und damit die Zuschauerzahl zu erhoehen.

Den spannendsten Teil dieses Abends erleben wir sicherlich backstage! Mit Ang
gehen wir in den Maskenbereich hinter der Buehne. Der schummrig beleuchtete
Raum in der Maske wimmelt von gelassenen und nervoesen Akteuren, manche bereits
in der ganzen Pracht ihrer wunderschoenen, kunstvollen und farbenfrohen
Kostueme mit hohen, schwer besohlten Theaterschuhen. Manche sitzen dicht
gedraengt Ruecken an Ruecken, tief in das Gegenbild ihrer kleinen, schwach
beleuchteten Schminktische vertieft, konzentriert die ausdrucksvollen weissen,
roten und schwarzen Linien durch ihre Gesichter ziehend. Jeder Schauspieler
schminkt sich immer selbst, schliesslich sei einem das eigene Gesicht am
vertrautesten. Da die Maskerade sehr dicht und warm ist, machen sich die
Akteure immer erst kurz vor ihrem Auftritt fertig. Sie spielen unterschiedliche
Rollen an einem Abend, d.h. neu schminken, umziehen, erneuter Auftritt.
Zwischendrin wuseln kleine Kinder, die den bunten, warmen Raum zu ihrem ganz
persoenlichen Spielplatz erkoren haben. Ein kleiner, zarter Junge schlaeft tief
und entspannt auf der Ablage eines Sideboards zwischen Schminktafeln,
Kostuemteilen und Instrumenten. Nach den ersten Trommelschlaegen des in der
Requisite versteckten Orchesters naesst er in die Hose. Auch das wird von einem
Elternteil beilaeufig zwischen Schminken, Auftritt und Musik erledigt. Die
ganze Welt des Theaters scheint sich in diesem kleinen, aufgeheizten Raum
abzuspielen. Wir mittendrin mit den Fotoapparaten, und weit aufgerissenen,
staunenden Augen. Wir stehen verzueckt, bewundernd und verwurzelt mit offenen
Muendern fast jedem im Weg, waehrend sich die ersten strahlenden, monumentalen,
historischen Figuren an uns vorbei auf die Buehne schieben. Dort entfesseln
sich ihre hohen, schrillen, piepsigen Stimmen, geraeuschvoll und stossartig zu
den donnernden, schlagenden, scheppernden und betaeubend lauten Trommeln.
Wuerdevoll schieben sich die leuchtenden Krieger und Kaiser ueber die Bretter,
begleitet von lautem Trommeln, dann Kampfszenen abgeloest von Tanzeinlagen. Ang
erzaehlt uns ganz aufgeregt, das das Trommeln frueher der Ankuendigung des
Theaters galt, heute aber die Nachbarn aufbringt und die Zuschauer verschreckt.
Auch sei das schrille Schreien der Akteure nicht mehr zeitgerecht, aber eben
immer noch original. Alle Mitglieder seiner Familien sind Laienschauspieler.
Morgen frueh werden sie wieder ihren alltaeglichen Beschaeftigungen nachgehen,
wie Massage, Apotheken, Schule, Familie, um dann am Wochenende wieder die alten
Gechichten ihrer Familie so kunstvoll auf die Bretter zu bringen – ohne
Eintritt, nur gegen Spende!