Tatis Reisetagebuch
10.06.2003
Varanasi - Ein Bad im Ganges
Ein Bad im Ganges - fuer viele der Hoehepunkt ihrer Pilgerreise, fuer die
locals ein taegliches Ritual mit Reinigungscharakter, fuer die Sadduhs
(hinduistische Prister aus der Kaste der Bramahnen) und holy men die hoechste
und heiligste Geste … und fuer viele Touristen ein schauerlicher Gedanke. Es
ist 7 Uhr am Morgen und der Ganges liegt heute leicht bewegt, dunkelgruen bis
schwarz vor den Ufern Varanasis. Boote voller farbenfroher Saris, wie zufaellig
zu einem wunderschoenen, abgestimmten Farbencocktail komponiert, treiben zur
anderen kargen Uferseite, andere schippern gebannt am Flussufer entlang. Es ist
ein besonderer Tag heute: Mata Ganga, das heilige Gangesfest, das wie eine
riesige Freilicht-Puja ('Hindu-Messe') von den Hindus zu Ehren des heiligen
Flusses begangen wird. Mehr Pilger als sonst zu dieser trockenen Jahreszeit
haben sich eingefunden, um auf den Stufen der ghats dem heiligsten aller
Fluesse zu huldigen. Die wohl am laengsten andauernd bewohnte und
wahrscheinlich aelteste Stadt Indiens empfaengt ihre Besucher mit der ueblichen
wirren Gelassenheit einer Mutter von 16 Kindern. Ueberall tobt es, ziehen
bunte, singende Prozessionen durch die verwinkelten, dunklen Gassen, werden
pujas am Uferrad in kleinen und groesseren Pilgergruppen veranstaltet.
Blumenkraenze schmuecken die Haargebinde der Frauen, die sich heute in ihrem
schoensten sari zeigen. Farbenfroh, leuchtend, elegant und wie ein Wunder
keiner wie der andere. Orange und rote Tuecher umspielen die mageren,
ausgezehrten Koerper der Sadduhs, ihre freien Oberkoerper sind mit Blumenketten
geschmueckt, auf ihrer Stirn glaenzen die gelben und weissen Streifen, die die
Shiva- von den Vishnu-Anhaengern unterscheiden. Spiritueller Gesang sanfter
Frauenstimmen und kraeftiger Maennertoene wird von den Wellen des Flusses aus
den Ufernischen herausgespuelt, wie ein Gefangenenchor, mystisch, scheinbar
klagend, kraeftig und doch leise, getragen von der tiefen Religioesitaet der
Feiernden. Nebel zieht den Fluss hinab und nimmt die ganze Atmosphaere aus
heiligen Gesaengen, den Geruechen von Faeule und Verwesung, dem Russ
verbrannter Koerper, dem Staub der ghats und der sinnlichen Mystik des Moments
mit sich.

Ein Morgen wie geschaffen fuer ein Bad im Ganges. Der Fluss ist angenehm kuehl
als wir uns den Weg durch die Menge plantschender Kinder und eingeseifter
Maennerkoerper ins Wasser bahnen. Zwischen so vielen froehlichen Badenixen
faellt das Eintauchen leicht. Der Boden unter uns ist weich und schlammig, das
Wasser dunkelgruen und kurz unter der Oberflaeche noch transparent. Meine
helle, lange Hose schimmert beim Schwimmen leicht durch die Wasseroberflaeche
ebensowie Ingrids paddelnde Fuesse. Die ersten schwimmenden Meter werden wir
getragen von der Freude ueber unsere Kuehnheit und von Evas aufmunterndem
Winken, die beeindruckt und mit unseren Fotoapparaten bewaffnet am Flussufer
unsere Froschbewegungen verfolgt. Der Blick zurueck auf die leicht durch Nebel
verschleierte Uferkulisse ist wunderschoen, ein wenig verzaubert und sicherlich
einer der beeindruckensten Blicke, die man auf Varanasi haben kann. Warme
Fassadenfarben der eleganten ufersaeumenden Maharadja-Villen und die von
gewaschenen saris und Bettlaken belegten Ufertreppen faerben den Nebel in ein
sanftes Aquarell. Die Gesaenge der Hindus von ihren pujas schallen herueber.
Aus den breiten, grosszuegig herabfallenden Treppenteppichen, die oben zwichen
den dunklen Haeusernischen verschwinden, kommen mehr und mehr Feier- und
Badewillige. Waeschesaecke rutschen die steinernen Uferbefestigungen hinunter
und werden von scheinbar willkuerlich vorbeilaufenden Passanten zu den
Waschsteinen der dobi-wallahs am Flussrand gebracht. Wir schwimmen weiter und
weiter, Boote kommen von beiden Flussrichtungen, interessierte, laechelnde und
irritierte Blicke verfolgen uns durch das Wasser. Zur Flussmitte hin ist das
Wasser bewegter, dunkler auch. Die Gerueche aendern sich, nicht eben
angenehmer! Die Neugierde, die Faszination des Moments und die Leichtigkeit der
bisher zurueckgelegten Strecke treiben uns weiter zum anderen Flussufer.
Strenger werden die Gerueche von Faeule und Verwesung, deutlicher die
Silhouetten der am Uferrand treibenden Kadaver. Die Umrisse eines verwesenden
Bueffels und der am Uferrand treibenden Leiche sind unverkennbar. Der Gedanke,
es handelt sich um eine 'reine' Leiche, vermag uns nicht sonderlich zu
troesten. Wir beschliessen ohne Strandpause zurueckzukehren und den Weg zur
lebenden Uferseite anzutreten. Die ersten Zuege sind noch etwas schneller, die
schleichende Muedigkeit nimmt aber schon bald wieder das Tempo heraus. Nach ca.
einer halben Stunde haben wir das rechte Ufer wieder erreicht - stolz,
gluecklich und zutiefst bewegt vom Bad im heiligen Wasser. Wie gestrandete
Robinsons steigen wir aus dem dunklen Nass, ein Kind bietet mir am Uferabsatz
schwimmende Teelichter an - woher ich wohl das Geld dafuer nehmen soll? So
besonders und faszinierend der Moment, so sehr treibt es uns aber auch zurueck
ins Hotel, um die Besonderheiten des Gangeswassers mit hoffentlich geklaertem
Wasser abzuduschen. Ich weiss nicht, irgendwie riecht das Wasser aus der Dusche
sehr aehnlich ….